TEILGEBEN* geht zu Ende – Eine kleine Geschichte aus dem ABC Bildungs- und Tagungszentrum
31. März 2026Start aus der Krise
TEILGEBEN* startete zum 1. April 2022 als ein durch die Aktion Mensch gefördertes inklusives und partizipatives Bildungs- und Kunstprojekt im ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. Die Idee dafür entstand aus der Zusammenarbeit der Projektleitung, Jan Knackstedt, zusammen mit der Regisseurin, Theaterpädagogin und Bildungsreferentin Christina Heitfeld. Der Hintergrund, vor dem das Konzept für TEILGEBEN* wuchs und Gestalt annahm, war die Zusammenarbeit innerhalb eines kleinen Leitungskollektivs für die freie, transnationale Theatergruppe SISU. Seit ca. 2014 gab es mehrere junge und auch ältere Menschen, die sich unter diesem Namen regelmäßig zu Proben getroffen, gemeinsam Stücke entwickelt und aufgeführt haben. Die Konzepte dazu flossen zum überwiegenden Teil aus dem Kopf von Christina Heitfeld, die auch den Großteil der Dramaturgie und Regie für die Stücke übernahm. Weitere Mitglieder dieses Leitungskollektivs waren Jan Knackstedt und Andrea Keller. Die Organisation der Produktionen, an denen SISU mitwirkte, war dynamisch und hing auch immer von den Kontexten und Bedingungen ab, in denen die Gruppe arbeitete. Denn das Beschaffen von Finanzen ist für freie Gruppen herausfordernd und deshalb waren und sind einige freie Gruppen, so wie auch SISU, temporär oder auch langfristig an Träger und ggf. dort stattfindende Projekte und deren Finanzen gebunden. Im Fall von TEILGEBEN* trat die Gruppe SISU als Kooperationspartnerin auf. Der Vorteil dieser Partnerschaft lag für SISU vor allem in der Möglichkeit, ohne die ständige Akquise von Geld an Theaterproduktionen mitwirken und vor allem mitgestalten zu können. Der Vorteil für TEILGEBEN* lag darin, direkt von Beginn an mit teils erfahrenen Künstler*innen zusammenarbeiten zu können. Viele Mitglieder bei SISU waren und sind von Marginalisierung und Ausgrenzung betroffen, d.h. viele Menschen, die eine Flucht hinter sich hatten und/oder rassifiziert und/oder sexistisch und/oder queerfeindlich und/oder ableistisch durch Diskriminierung betroffen waren und sind, waren Teil von SISU. Außerdem waren auch viele Personen dabei, deren Leben vergleichsweise privilegiert und barrierearm bzw. mit wenigen Gewalterfahrungen verlief und verläuft. Diese Konstellation von Menschen, die sich zufällig getroffen oder allenfalls durch ihr Interesse an einer theatralisch, künstlerisch arbeitenden und sich solidarisch aufeinander beziehenden Gruppe zueinander gefunden haben, standen für die Zielgruppe von TEILGEBEN*. Insofern war die Zusammenarbeit zwischen SISU und TEILGEBEN* sowohl naheliegend als auch sinnvoll für beide Seiten.


Allerdings war die Covid-Krise im Jahr 2022 noch weit präsenter als heute und die zwei Jahre vor dem Start von TEILGEBEN* waren geprägt durch Angst, Verunsicherung und Isolation. Das trug dazu bei, dass erstens die Gruppenstrukturen bei SISU zumindest schwer geschädigt waren, wenn nicht sogar zerstört und zweitens, dass Begegnungen in physischen Räumen noch schwer umsetzbar waren. Das Projekt war also, mehr oder weniger, mit einer nicht mehr vorhandenen Teilnehmendenbasis konfrontiert. Vor allem Christina Heitfeld und die Projektleitung unternahmen einigen Aufwand, um wieder Menschen dazu zu motivieren, sich zu treffen, zu proben und Stücke zu entwickeln – beispielsweise durch das Auftaktevent Anfang Juni ’22, zu dem breit eingeladen wurde. Im nächsten Schritt wurden Probenräume und regelmäßige Probezeiten organisiert, zu denen ein paar Menschen kamen. Zusammen mit dieser ersten Projektgruppe wurde viel ausprobiert, vor allem im Bereich Performance. Dabei entstanden einige Performances, die die Gruppe als Interventionen im öffentlichen Raum inszenierten. Die Themenschablone „Identität“, die dem Projekt auflag, bildete dabei einen Fixpunkt, um den herum die Gruppe gut arbeiten konnte. In dieser Phase des Projektes fanden bereits einige der Workshops statt, die einen bildenden und empowernden Charakter hatten und zu denen professionelle Künstler*innen und Pädagog*innen, teils aus der Gruppe und teils aus deren Umfeld engagiert wurden. Zusammen mit diesen Professionellen entwickelte die Gruppe beispielsweise eine choreografisch geprägte Performance zur Frage: Wer nimmt wie viel Raum in der Öffentlichkeit ein? Und wie verhält sich diese Raumnahme zur Positionierung und Identität von Personen? Wenig überraschende Erkenntnisse aus der performativen Bearbeitung dieser Fragen waren beispielsweise: Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen (FLINTA*), sowie Black, Indigene und People of Color (BIPoC) und Be_hinderte Menschen nehmen vergleichsweise weniger Raum ein als Weiße und männlich gelesene Personen. Dabei beschränken sich die Beobachtungen nicht allein auf die rein physische Ausdehnung der betreffenden Individuen, sondern beziehen sich auch Grade von machtvoll, dominantem Verhalten das den Anspruch vermittelt, der betreffende Raum sei ihm zugehörig bzw. gehöre ihm.

Aus diesen Erfahrungen und Beobachtungen entwickelte die Gruppe ebenfalls performative Konzepte für eine Art Sondereinheit oder Feuerwehr, die die Aufgabe hätte, Maßnahmen gegen die Diskriminierung und Marginalisierung / Verdrängung von Menschen zu ergreifen. Hier entstanden viele kreative Ideen für Interventionen, die allerdings teilweise so fantastisch waren, dass sie vorerst nicht für eine Umsetzung infragekommen. Dabei beschäftigte sich die Gruppe in zunehmendem Maß mit dem Thema Fantasie und mit den Themen Wahrheit und Lüge. Durch die Beschäftigung mit der Funktionsweise von Narrativen, sog. alternativen Fakten und Fake News entstand die Idee, selbst in die Erzählung zu Personen und vor allem Orten eingreifen und sie so zu verändern, dass sie von Ausgrenzung betroffenen Menschen nicht schaden sondern nützen, aber auf jeden Fall unterhaltsam sind. So entstand das Konzept für eine alternative Stadtführung / Ortsbegehung, bei der beispielsweise die Rolle von Frauen, Juden und Jüdinnen oder queeren Menschen hervorgehoben und mit fantasievollen Ausschmückungen versehen wurde. Dieses Konzept wurde beispielsweise beim Sommerfest des ABC Bildungs- und Tagungszentrums 2023 umgesetzt.
Dadurch, dass uns nicht so viele Ressourcen zur Verfügung standen wie gedacht, kamen wir nicht so gut voran wie erhofft. Vor allem unsere Aktivitäten im Landkreis Stade liefen schwer an und mündeten dann glücklicherweise noch in einer Kooperation mit dem STADEUM in Stade. Dort arbeiteten wir zusammen mit einer kleinen Gruppe aus Stade zum Thema Demokratie.
Die Gött*innen sind im Imbiss
Unter diesem Titel wurden gleich zwei Produktionen umgesetzt, die am Ende aber zwei Teile eines Stücks waren. Auch hierfür stammten die Idee und das Konzept von Christina Heitfeld und wurden durch die Projektgruppe gemeinsam bearbeitet. Im Nachhinein lässt es sich nicht einwandfrei belegen, jedoch dürfte die vergangene Arbeit der Gruppe zum Thema Dominanz und Raumnahme sowie Überlegungen und Diskussionen zum Prinzip des Schwarms Einfluss genommen und in der Umsetzung einer chorischen Begleitung Ausdruck gefunden haben. Dabei handelte es sich nicht um einen Chor in der klassisch dramatischen Form, sondern der Chor war auch Protagonist*in und griff aktiv in die Handlung des Stückes ein.
Das szenische Erarbeiten der Handlung erfolgte innerhalb eines Stadtteiltheaterprojektes der GWA St. Pauli, für das diese auch die Förderung beantragte und verwaltete, von der wir synergetisch profitieren konnten. Das Erarbeiten der Konzepte für das Zusammenspiel der szenischen und chorischen Elemente entstand im Zuge vieler kollaborativer Prozesse und Proben von November 2023 bis zur Premiere im Juni 2024.
Die Entwicklung der chorischen Elemente, die auch Musik und rhythmische Performance beinhielten, sowie choreografisch organisiert waren, fand größtenteils abseits der weiteren Produktion und der szenischen Arbeit statt. Zusammen mit der Musikerin und Komponistin Eva Engelbach entstanden Musikstücke, die eingeübt und an die Dramaturgie der szenischen Darstellung angepasst wurden. Daher wurden einige gemeinsame Proben umgesetzt. Bei der Produktion, die Gött*innen sind im Imbiss, handelte es sich um eine Kooperation zwischen dem ABC Bildungs- und Tagungszentrum und der GWA St. Pauli.
Das Stück zeigt die Realität von Menschen im Stadtteil, die mit den alltäglichen und existenziellen Barrieren des Lebens zu kämpfen haben: Perspektivlosigkeit, Armut, Behördenwillkühr, Sexismus und patriarchale Dominanz, Reizüberflutung, Entfremdung, Hilflosigkeit vor dem Hintergrund der stattfindenden Polykrise usw. Diese Themen wurden durch die Gruppe und u.a. anhand von Befragungen der Menschen im Stadtteil erarbeitet. Diese Konflikte wurden in eine fantastische Welt gebettet, in der die Protagonist*innen tatsächlich Gött*innen, Held*innen und andere mythologische Wesen der griechischen Antike waren, dies jedoch, durch einen Fluch getroffen, vergessen mussten und so mit einer Art unterbewussten Doppelidentität ausgestattet waren:
Hermes der Götterbote als prekär beschäftigter und ausgebrannter Postbote, der den Sinn im ewigen Strom der Warenlieferungen sucht und dabei langsam den Verstand verliert. Apollon als erfolgloser und verarmter Straßenmusiker, zwischen dem Drang zu origineller Kunst und dem Zwang zur Ökonomisierung seiner Fähigkeiten gefangen. Hera, zerrissen zwischen Lohnarbeit, Carearbeit, Selbstausbeutung und ihrer ohnmächtigen Wut über die Geschlechterungerechtigkeit. Kassandra, die Aktivistin, die immer wieder erkennt, dass sie seit Jahren ganz ergebnislos vor denselben Gefahren und Missständen warnt und an ihrer Selbstunwirksamkeit und der Ignoranz in der Welt verzweifelt. Ganz am Ende kommt Hekate zur Hilfe. Die hellsichtige Herrin der Wegkreuzungen und Übergänge erkennt die Misere der unbewussten Gött*innen und bringt sie durch das Rufen ihres wahren Namens zurück ins Bewusstsein ihrer göttlichen Identität. Sobald sie erwachen, erkennen sie, dass sie nicht an ihr Schicksal gekettet, sondern fähig sind, zusammen mit allen Menschen ihre Welt zu gestalten.
Der Chor hatte die Rolle einer Einführung und brachte dem Publikum die Hintergründe des Geschehens auf einer Metaebene nahe. Zum Schluss wurde diese Metaebene aufgebrochen im Sinne einer Versammlung aller Protagonist*innen zusammen mit dem Chor und einer Proklamation des erwachten Bewusstseins über die Möglichkeit, zusammen etwas bewegen zu können. Hier kamen die nun bewussten Gött*innen noch einmal zu Wort und sprachen ihre Wünsche und Forderungen nach einer solidarischen und gerechten Gesellschaft und einem guten Leben für alle aus. In Appellen an das Publikum wird zur Zusammenarbeit und zur gegenseitigen Unterstützung aufgerufen, um die Utopie zu einer konkreten Vision werden zu lassen.
Die Inszenierung auf dem Hein-Köllisch-Platz in St. Pauli war herausfordernd und aufschlussreich. Neben den Witterungseinflüssen, die mal die Requisiten davonfliegen oder nass werden ließen, gab es immer wieder Interventionen und Interaktionen mit den Nachbar*innen und Bewohner*innen des Stadtteils. Einigen gefiel es, dass der Platz durch ein Theaterstück gefüllt wurde, andere hatten Einwände dagegen oder machten sich bemerkbar, weil ihnen dabei etwas fehlte. Was das genau war, wissen wir nicht. Ein Musiker schien durch unsere Performance angezogen und setzte sich in unsere Nähe, um ebenfalls Musik zu machen. Scheinbar passierte im Rahmen der Proben und Aufführungen etwas, das bei einigen Menschen um uns herum Resonanz erzeugte. Uns gefiel der Gedanke, dass die Probleme der Gött*innen im Stück für diese Menschen eine Würdigung ihrer eigenen Probleme bedeutet haben könnte. Und dass mit dieser Art gesehen zu werden, auch eine Art der Linderung ihrer und natürlich auch unserer Probleme einhergehen könnte, wären die Gött*innen oder auch Hekate dauerhaft präsent. Abseits dieser Annahmen, können wir jedoch mit einiger Gewissheit sagen: Wir als Theaterprojekt fanden uns in den Rollen des Stücks und in dieser Geschichte und wir fanden die Menschen, die an uns vorbeigingen, darin als einen Teil dieser Geschichte. Und diese Menschen haben sich in verschiedener Weise auf uns als Gruppe und das Stück bezogen. So standen wir in Beziehung zueinander. Das kann der Anfang einer gemeinsamen Basis der Wahrnehmung, des Verständnisses und des Mitgefühls füreinander sein. Und auf dieser Basis können wir damit beginnen, füreinander einzustehen.





Behörde der Einsamkeit
Nach den “Gött*innen” bot sich eine weitere Gelegenheit, gemeinsam mit der GWA St. Pauli, ein nächstes Theaterstück zu entwickeln. Ein Thema, das uns bereits während der Produktion der “Gött*innen beschäftigt hatte, war die Einsamkeit, in diesem Fall als eine Art von Gegenentwurf zum Verbundensein der Figuren zum Schluss. Unser Leitmotiv “Identität” fand sich hier beispielsweise in der Bedeutung von menschlicher Beziehung und einem Verbundensein mit der Welt, für die Konstruktion von Identität. Einsamkeit breitet sich laut den Messungen von Bundesbehörden, wie etwa dem im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und vom Kompetenznetz Einsamkeit erarbeiteten Einsamkeitsbarometer, immer weiter aus. Als ein Treiber dieses Anstiegs wird beispielsweise die Corana-Pandemie identifiziert. Aber auch nach der Pandemie sind mehr Menschen als davor davon betroffen, nicht oder nicht ausreichend in soziale Zusammenhänge eingebunden zu sein. Risikofaktoren für das Betroffensein von Einsamkeit sind beispielsweise ein geringes Einkommen und ein geringer Bildungsgrad. Außerdem gelten das Ausüben von Sorgearbeit oder eine Migrationsbiografie als Risikofaktoren. Seit Corona sind auch erstmals junge Menschen in besonderem Maß durch Einsamkeit gefährdet. Es zeigt sich also, dass Menschen, die nicht oder nicht ausreichend über die Mittel – sei es soziales, ökonomisches, kulturelles, symbolisches oder auch affektives Kapital – verfügen, an gesellschaftlichen Veranstaltungen zu partizipieren, eher von Einsamkeit betroffen sind. Oder anders gesagt: Die Partizipation an gesellschaftlichen Veranstaltungen ist stärker als zuvor an Konsumzusammenhänge gekoppelt. Wo die Mittel für den Zutritt zu diesen Zusammenhängen fehlen, fällt eine Teilnahme schwer. Die damit einhergehenden Risiken beschränken sich nicht auf mögliche gesundheitliche Folgen wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Suizid oder auch Femnizide, sondern gefährden die Funktion demokratisch organisierter Systeme. Einsame Menschen gehen weniger wählen und engagieren sich weniger in zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen. Viele Menschen nehmen nicht an Wahlen teil und viele dürfen nicht teilnehmen, z.B. weil sie keinen passenden Aufenthaltstitel haben, obwohl sie schon lange in unserer Gesellschaft zu Hause sind. Gilt das Frauenwahlrecht in Deutschland “schon” seit 1918, so durften behinderte Menschen, die in allen Angelegenheiten eine Betreuung hatten, noch vor 2019 nicht wählen. Für viele so Ausgeschlossene erscheint ein zivilgesellschaftliches Engagement nicht möglich oder sinnvoll. Eine pluralistische, lebendige und starke Zivilgesellschaft ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für das Bestehen einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft. Einsamkeit greift um sich, gleich einer Epidemie. Wie können wir damit umgehen?
Die Regisseurin, Christina Heitfeld, brachte das Konzept für ein Stück ein, das in einer Behörde spielt. Tatsächlich beginnen einige Staaten Maßnahmen zur Erfassung der Ausprägungen und Folgen von Einsamkeit zu erheben und in Großbritannien entsteht ein Ministerium für Einsamkeit.
Wir entschieden uns dafür, einen Ort darzustellen, der wie eine Behörde aussieht und auch so funktioniert: Ein funktionaler und bis auf eine Yuccapalme schmuckloser Ort mit Tischen, Stühlen, Rollcontainern, Büromaterialien und natürlich einem Wartezimmer. Darin sind Menschen, die auf ihren Termin in der Behörde warten. Neben diesen Menschen sitzt unser Publikum. “Willkommen in der Behörde der Einsamkeit, bitte ziehen Sie eine Wartenummer und nehmen Sie im Wartebereich Platz, bis Ihre Nummer aufgerufen wird.“ An den Schreibtischen sitzen Behördenmitarbeiter*innen, deren Aufgabe es ist, eine behauptete Einsamkeit zu verifizieren, Grad und Typus festzustellen und entsprechende Maßnahmen zuzuweisen. Die Vorstellung, so etwas wie Einsamkeit durch eine Behörde und ihre Maßnahmen beikommen zu wollen, ist absurd und komisch. Gleichzeitig verstehen wir beim Zusehen, dass eine gut organisierte Maßnahme gegen Einsamkeit und ihre Folgen notwendig ist. Die Zuschauer*innen erfahren etwas über verschiedene Ursachen und beobachten verschiedene Ausprägungen von Einsamkeit. Soziale Medien, feindliche Architektur im öffentlichen Raum, Armut, Rassismus, Homofeindlichkeit und ständiger Wettbewerb sind wirksam, wenn es um das Entwickeln einer Einsamkeit geht. Wir lernen auch, dass Einsamkeit ein sich Auflösen des Ichs zur Folge haben, eine gestörte Persönlichkeit verursachen und eine negative Identitätsbildung begünstigen kann. Was das bedeutet, zeigen die Kund*innen die bei den Sachbearbeiter*innen der Behörde vorstellig werden: Einer beschreibt der sichtlich gelangweilten Sachbearbeiterin, dass er seine Handflächen mit Farbe bestreichen und sie auf einem Blatt Papier abdrücken muss, um sich zu vergewissern, dass er wirklich existiert. Eine junge Frau spricht über die absurden und menschenfeindlichen Bedingungen in der Geflüchtetenunterkunft, in der sie sich aufhalten muss. Dabei hat sie erst gar keine Ansprechperson vor sich, sondern führt das Gespräch mit sich selbst und erteilt sich am Ende die vernichtende Absage: “…das interessiert mich leider alles gar nicht.” Diese dystopischen Szenen wechseln mit nicht minder bedrückenden aber ins Komische reichenden Situationen, in denen beispielsweise eine junge Frau der zugewandten und hilfsbereiten Sachbearbeiterin ihren inneren Sabotagechor vorstellt, der gut intoniert, pflichtbewusst aber höchst destruktiv auf die Kundin einredet. Irgendwann wird dieser Chor so mächtig, dass er auf die Sachbearbeiterin losgeht, die daraufhin eine Sondermaßnahme bewilligt: den Einsatz eines positiv bestärkenden Aufbauchors.
Beide Chöre beginnen aufeinander einzureden, so dass Kundin und Sachbearbeiterin im Chaos der Auseinandersetzung gemeinsam die Situation verlassen können. Eine weitere Szene wirkt wie der Fiebertraum einer Gameshow, in der Fakten zum Thema Einsamkeit abgefragt werden. Alles wird immer wieder durchbrochen, durch die Menschen im Wartezimmer, die sich erheben, einen finnischen Tango mit sich selbst tanzen und zwischendurch pantomimisch Aktivitäten zeigen, die eigentlich zu zweit stattfinden. Auch dringen aus der Sprechanlage in der Behörde immer wieder fetzenhafte Radiosignale, aus denen sich eine Stimme meldet, die über Resonanz, Isolation und Faschismus spricht und zwischendurch immer wieder die Frage stellt: “Wo sind die Anderen?”. Zum Ende des Stücks kommt diese Stimme in einer Art Resümee und gleichzeitig einem Appell zum Schluss: “Man muss widerstehen, zusammenstehen und kämpfen. Sich zusammentun und solidarisch sein, dann kann man es schaffen.” Das Stück endet mit der Durchsage, die Behörde würde in Kürze schließen und einem weiteren Einsamkeitstango, der die Protagonist*innen aus dem Wartezimmer trägt.

